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Die Canon EOS R6 im Vogelfotografie-Kurztest

Die Canon EOS R6 im Vogelfotografie-Kurztest

Ein tierischer Autofokus?

Eines der Argumente von Canon und Nikon, weshalb wir von unseren Spiegelreflexkameras auf die neuen spiegellosen Systemkameras umsteigen sollen, ist die markant bessere Motivverfolgung der AF-Systeme. Nach Gesichts- resp. Augenerkennung bei Menschen, ist jetzt auch die Fähigkeit gefragt, Tiere zu erkennen und auf deren Augen zu fokussieren. Wie gut die brandneue Canon EOS R6 dies kann und wie sie sich sonst so anstellt, konnte ich ausprobieren.

Pralle, senkrechte Sonne, um die 30 Grad Hitze, keine guten Bedingungen für BIF-Fotografie (BIF: birds in flight). Lieber dümpeln die Wasservögel im Schatten des Beobachtungsturms herum. Also dann halt mit dem RF 70-200mm aus der Nähe. Und wow, wie entspannt ist das denn? Die Blende auf 2,8 aufgerissen (man will ja schliesslich sehen ob die Schärfe passt!), den Entenkopf mit dem ausgewählten Messfeld kurz anvisieren, den Bildausschnitt festlegen und auslösen.

Meist «klebt» das aktive AF-Messfeld förmlich am Auge des Vogels. Wie habe ich sonst jeweils am Joystick (mit der EOS R dann auf dem Touchscreen) «rumgefummelt» wenn die Graugans den Kopf drehte und sich der Bildausschnitt komplett änderte. Gewiss, es gibt auch Ausreisser, wenn der Algorithmus zum Beispiel das Nasenloch im Schnabel kurzzeitig mit dem Auge verwechselt. Aber eigentlich ist es doch so; keine, aber echt keine Automatik ist perfekt. Technisch gesehen heisst Fotografieren bereits seit den ersten eingebauten Belichtungsmessern auch, die Grenzen der Kameraautomatiken zu kennen und zu wissen wie man nötigenfalls manuell eingreift.

So kann man sich ärgern, wenn das schwarze Auge im schwarzen Gefieder des Teichhuhns nicht immer erkannt wird (das, nebenbei erwähnt, nervös am Ufer rumrennt und dabei den Kopf vor- und zurück bewegt). Oder man schaltet die Tiererkennung aus, lässt den AF sich am rot-gelben Schnabel festkrallen und löst nur dann aus, wenn auch das Auge in der Schärfeebene ist. Ich will nichts schönreden, ich habe Gläser einfach lieber halbvoll als halb leer.

Ob man das denn nun braucht, höre ich Euch fragen. Sicher nicht zwingend. Aber es hilft tatsächlich sehr viel. Kann man es der Elektronik überlassen, das AF-Feld mit der bildwichtigen Stelle mitzuführen, hat man mehr Zeit, sich auf gestalterische Aspekte, aber auch auf das Verhalten des Tieres zu konzentrieren.

Vögel im Flug

Ich bin mich das Warten auf fliegende Vögel gewohnt und liebe diese Mischung aus angespannter Bereitschaft und beruhigender Passivität. Wenn man aber, wie ich gerade, darauf angewiesen ist, dass einer der gefiederten Freunde auch mal fliegt, kann das schon etwas zermürben. Nur der, meist gemächlich fliegende, Graureiher hat ein Einsehen und stellt für das AF-System kein Problem dar.

Erst an einem zweiten Abend verblüfft mich die Graugansfamilie mit einem blitzschnellen Gruppenlandeanflug. Aus sechs landenden Gänsen eine auszuwählen, diese in den Sucher zu bekommen und darin zu behalten fordert mich aufs Äusserste. Und so durchzogen, wie ich meine Aufgabe erfülle, so tut dies auch der AF. Er scheint keine Zeit mehr gehabt zu haben ein Tier zu erkennen, folgt aber dem «unerkannten Flugobjekt» recht zuverlässig.

Es wäre vermessen, aus so wenig Gelegenheiten, ein Fazit zu ziehen. Ich bin aber sicher, dass ich aus der R6 mit etwas mehr Tests und Einstellungsoptimierungen eine markant bessere Trefferquote herausholen könnte als mit all meinen bisherigen Kameras. Im Zusammenspiel mit einem schnellen Objektiv ist der AF der R6 sehr schnell und ihre Möglichkeiten, vom Fotografen an seine Arbeitsweise angepasst zu werden, geht nochmal über ihre Vorgänger hinaus.

Und sonst?

Sonst geht die R6 und somit auch die R5, in die richtige Richtung. Versuche in der Tierfotografie mit meiner EOS R enttäuschten mich jeweils durch die fehlende Geschwindigkeit und zwar nicht der knapp 5 Bilder/s wegen. Mitzieher mit Vögeln, oder zum Beispiel auch Angriffsszenen im Handball, waren mit deren «Sucherbildgeflacker» pure Glückssache. Die R6 hingegen ist schnell, sie ist geschmeidig und sie lässt sich fast wie eine EOS 5D bedienen. Der Joystick bietet sich an, zügig einzelne AF-Felder, oder Gruppen davon, auszuwählen und das Scrollrad gibt eingefleischten 5D- oder 1D-Nutzern die Möglichkeit, die Kamera zu bedienen wie gewohnt.

Dass sie «nur» einen 20 MPixel Sensor hat, schränkt die Möglichkeit für Ausschnitte (Crop) allerdings ein. Der, gerade in der Vogelfotografie, nützliche 1,6x-Crop-Modus ergibt Bilder mit 3408 x 2272 px also keine 8 Megapixel mehr. Nutzt man aber den gesamten Sensor, ist die Bildqualität selbst bei ISO 6400 noch gut und wenn mal nötig auch ISO 10000 gut brauchbar.

Der Autor

Urs, Jahrgang 1964, ist professioneller Fotograf bei Interdiscount und liebt in seiner Freizeit die Naturfotografie. In seinem Fotoblog gibt er regelmässig Einblicke in sein Fachwissen sowie Informationen über technische Finessen und Neuheiten aus dem Fotobereich.